Absurdistan

geschrieben von Meg in MegLosophie Kommentar schreiben

Renate bog von der mehrspurigen Fahrbahn nach rechts und winkte nochmal über die Schulter. Sie hatte noch 5 km nach Hause und der Himmel zog sich bereits zu. Ich versuchte mein Fahrrad zwischen einen Kinderwagen und einen älteren Mann mit Hund zu manövrieren und wunderte mich, dass ich diesmal kaum etwas von der Bodenhaftung des schweren Mountainbikes spürte, im 4. Gang flog das Rad fast über die Straße und ich spürte, dass mein Rücken unter dem Shirt und der Regenjacke feucht wurde. Eine innere Euphorie ergriff von mir Besitz, als ich daran dachte, dass ich es geschafft hatte. Merkwürdigerweise schnürte ein hässlicher Kloß meinen Hals zu und machte mir das Atmen schwerer, als es nach den 15 km ohnehin schon war. Meine Beine waren jedoch von einer eigenartigen Leichtigkeit, als wären sie nicht an meinem Körper angewachsen. Auf der Zielgeraden verlor ich plötzlich die Kontrolle über das Rad, schlingerte gefährlich nahe am Straßengraben und blieb erschrocken stehen. Ein Blick auf den Hinterreifen zeigte, dass ich in einen Nagel gefahren sein musste, der sich vollends durch den dicken Reifen bohrte. Ich nutzte die Gelegenheit einige von den Erdbeeren zu essen, die ich eingekauft hatte und schob das Fahrrad nach Hause, als meine Schwester mich überholte.

In dem Moment bleib die Welt fast stehen und ich stellte bewusst fest, dass das Leben in dem Augenblick in Zeitlupe ablief. Ich habe das gehässige Lächeln – oder war es ein hämisches Grinsen? – meiner Schwester genaustens sehen können, als sie quälend langsam an mir vorbeifuhr, die Farben der Welt um uns herum waren verschwommen, bis auf die gestochen scharfen Umrisse unser beider Personen. Es war bedrückend still, man konnte es als ‚Todesstille’ bezeichnen, auch wenn ich dem Ausdruck bisher keine Definition zuordnen konnte, jetzt schien es mir sehr passend, das so und so zu fühlen zu umschreiben. Diese Begegnung dauerte keine 15 Sekunden, da war sie auch schon an mir vorbei und trat noch heftiger in die Pedalen, ihre langen blonden Haare flatterten dabei im Wind – dabei war es doch windstill. Fahrtwind.

Endlich kam ich zuhause an, meine Mutter öffnete die Tür, nachdem ich mal wieder den Schlüssel in den Weiten meiner Tasche nicht finden konnte. Sie schaute mich mit einem erwartungsvollen Gesicht an, das gleichzeitig eine triumphierende Sicherheit ausstrahlte. Anders kannte ich es nicht. Sie zitterte mit, wusste jedoch stets vor mir, dass ich es schaffen würde. Egal, was ich mir vornahm. Ich nickte und sie fiel mir um den Hals. Meine Euphorie jedoch war längst verflogen. ‚Ich bin so stolz auf Dich’, hörte ich sie dicht an meinem Ohr flüstern und spürte, dass meine Wange etwas feucht wurde. ‚Ah Mama, das ist doch nur der Führerschein’, sagte ich und versuchte etwas unbeschwerte Fröhlichkeit in meine Stimme zu legen.

Ich machte mich vorsichtig frei und steuerte mein Zimmer an, begleitet von einem ‚Das Essen ist in 10 Minuten fertig’. Jana stand neben dem Bett und suchte einige Sachen zusammen. Er wurde gerade wach und sein dunkler Haarschopf lugte unter der Decke hervor. ‚Kann man gratulieren?’. Seine Stimme war noch recht verschlafen. Ich spürte mein Herz schneller schlagen, die Freude darüber, dass mein Füherschein offensichtlich sein erster Gedanke war, erfüllte mich mit Glück und am liebsten hätte ich mich ausgezogen und meinen kühlen Körper auf die Suche nach dem seinen, schlafwarmen geschickt, etwas hielt mich jedoch davon ab. Es war ihr Tag. Sie war heute seine Freundin. Die beiden verschwanden zusammen im Bad und ich verfiel in eine gekünstelte Hektik, indem ich meine Tasche auspackte und in den Bücherregalen wühlte.

‚Wie lange willst Du Dir noch was vormachen?’. Ich habe Mama gar nicht hereinkommen hören. Sie machte das Bett, welches noch warm war von seinem Körper und schaute mich nicht an.

‚Ich spüre, dass Du leidest.’

Ich blinzelte einige Male nervös, versuchte den Kloß runterzuschlucken, bevor ich ein etwas genervtes ‚Ah Mama!’ rauspresste und Richtung Badezimmer blickte. ‚Ob er sie jetzt auch auf die weiche Stelle über dem Po küsst, während sie sich die Zähne putzt?’ Der Gedanke brachte eine Lawine brennender Gefühle in meinen Körper und der Kloß machte sich noch breiter, als er ohnehin schon war.

Das konnte nicht gut gehen. Wir haben es beide gewusst und uns dennoch auf diesen ‚Handel’ mit Gefühlen eingelassen. Ich liebte ihn und sie wollte das, was mich glücklich machte.

Schluchzend wachte ich auf und spürte seine warme Haut an meinem Rücken.

17 Kommentare zu “Absurdistan”

  1. maksi

    Fantasie oder Wahrheit? Auf jeden Fall sehr gut und emotional. Ich kann’s nachempfinden, da es ähnlich mal bei mir ablief. Mit einer Freundin und dem Ex. Nur ohne Aufwachen am Ende ;)

  2. Frau W.

    Wirklich nur Absurdistan, hoffe ich…

  3. El Mar

    Es gibt eine einzige Person die dort geküsst wird. Daran wird sich nichts ändern :kuss:

  4. Meg

    Kennt ihr einen Schriftsteller, der am Ende des Buches schreibt: Das war autobiografisch/fiktiv/Verarschung?

    Ich nicht.
    Also :)
    :pfeif:

    Danke, freut mich, dass ich ein bestimmtes Gefühl rüberbringen konnte. Das ist mein Bestreben :)

    @ ElMar - ich weiß. Und ich danke Dir jeden Tag für diese Gewißheit. :kuss:

  5. Frau W.

    Dein Bestreben ist es, Gefühle rüberzubringen?! :anbet:

    Hör mal,du bringst immer Gefühle rüber. Mal diese :flenn: mal jene :lol: und immer mal wieder diese… :sex:

    Zu viele Gefühle ertrag ich nicht… :pfeif:

    :mrgreen:

  6. Meg

    @ Frau W., ich finde Dich wirklich toll! Ehrlich! Eloquent, charmant, witzig, zickig, gebildet, klug, nachdenklich, hübsch … aber nimm es mir nicht übel: Ich möchte keinen Sex mit Dir :mrgreen:
    Trotzdem Freunde? :)

    Ich kann aber nicht ohne Gefühl. Und jetzt? Liest Du nicht mehr hier? :cry:

  7. Frau W.

    Nicht? :oops:

    Wirklich nicht?! :flenn:

    Uff, was’n Glück, dass du meinen missverständlichen Kommentar nicht ausnutzen willst. :mrgreen:

    Und jetzt sag ich dir mal was. Ganz unmissverständlich. Solange ich blogge, lese ich hier auch. Und wenn ich nicht mehr blogge, lese ich immer noch hier. :)

    Und jetzt wünsch ich dir/euch ein schönes WE. :flower:

  8. Frau W.

    Was vergessen. :oops:

    Ja.

    Trotzdem Freunde. :blll:

  9. Meg

    :hug:

  10. little james

    hmmm…elmar? ich hab den text jetzt dreimal gelesen. welche person wird denn da geküsst?

    meg, schöne geschichte :D ob erfunden oder nicht, ist dann doch egal. oder? los, gibs zu! :mrgreen:

  11. Meg

    @ James, ja, ich gebe es zu: Ob erfunden oder nicht, ist dann doch egal :mrgreen:

  12. Lily

    Komm mir vor wie freitags in der 6. Stunde Deutsch. Und in Textinterpretation war ich noch nie wirklich gut :pfeif:

    Aber ich denke, ich hab den Sinn verstanden :mrgreen:

  13. Meg

    @ Lily, danke für das Kompliment. :)

  14. El Mar

    @James: Geht Dich nix an ;)

  15. Ecki

    Öhm, habt Ihr Euch lieb?

  16. Tommy

    wundervoll geschrieben. und ja, du schreibst immer mit gefühl, sogar mit jeder menge gefühl das ist auch mit einer der gründe warum die seite hier zu meiner täglichen lektüre gehört. es ist sogar der erste blog der bei mir aufgerufen wird :)

    wünsche dir ein wundervolles we mit deinem traummann und geniesst die gemeinsame zeit.

    freu mich auf mittwoch :hug:

  17. Meg

    @ Ecki, jeden Tag ein bisschen mehr :)

    @ Tommy, :oops: Danke, Hase :)

Schreib mal wieder