Seit Tagen renne ich mit einigen Gedanken im Kopf durch die Welt, bemüht um den Versuch, diese zu ordnen, in Sätze zu formen und eine Geschichte daraus zu machen. Es geht um die Schulzeit und den millionenfach zitierten Satz: „Kind, Du lernst nicht für mich, sondern für das Leben“. Heute habe ich bei Herrn Eismann gelesen, daß sich daran nichts geändert hat. Man lernt nach wie vor nicht für die Lehrer, auch wenn man in deren Gunst ein paar Punkte nach oben steigen kann, wenn man das gewünschte Wissen endlich verinnerlicht hat.
Ich muß dazu sagen, daß ich stets sehr gerne zur Schule gegangen bin. Von der Klasse 0 bis zur Klasse 10 habe ich punkten können und gehörte zu den Top 5 in der Klasse/Stufe, das änderte sich erst, als ich die Höhere Handelsschule besuchte und mit Fächern wie BWL, VWL, ReWe konfrontiert wurde. Hätte ich nicht auch noch Deutsch, Englisch, Spanisch und Religion gehabt, wäre ich eingegangen, wie ein verdustetes Pflänzchen. Seit ich denken kann, habe ich mich mehr für die Geisteswissenschaften interessiert, während mich bei den Naturwissenschaften lediglich Biologie interessierte. Chemie, Physik, Mathe und die oben genannten Fächer waren für mich der blanke Horror, denn hier mußte ich eine andere Fähigkeit anwenden, als Intuition: Auswendig lernen. Ich habe es gehasst. Es fiel mir leicht, das war nicht das Problem, ich schaffte es locker, 10 DIN A4-Seiten in 2-3 Stunden auswendig zu lernen (vorwärts und rückwärts), doch ich hasste es deshalb, weil nach der Klausur dieses Wissen verschwand. Als würde ich einen Handel mit meinem Kurzzeitgedächtnis eingehen: „Ich werde all den Kram behalten, aber nur für 2 Tage!“. Während meine Klassenkameraden bereits 2 Wochen vorher paukten, nutzte ich die Zeit und fasste zusammen. All das geforderte Wissen für die Klausur fasste ich auf 10 Seiten zusammen und fing einen, max. 2 Tage vor der Klausur an zu lernen. Zum einen brauchte ich den Druck, zum einen kannte ich den „deal“ mit meinem Kurzzeitgedächtnis. Man braucht keinen astronomisch hohen IQ um zusammenzurechnen, daß die Fächer, für die ich auswendig lernte, nicht meine Steckepferdchen waren. Schriftlich schaffte ich es immernoch eine gute 2, manchmal sogar eine 1 zu bekommen, doch mündlich scheiterte ich kläglich, denn ich konnte den Stoff, den ich auswendig gelernt hatte, nur mit geschlossenen, vor dem geistigen Auge „ablesen“. Das funktionierte jedoch nicht, wenn 5 Lehrer einen anschauten und der Meinung waren, ich wäre entweder bekloppt oder einem Ohnmachtsanfall nahe. Es stellte kein Problem dar, aus der mündlchen Deutschprüfung mit einer 1 rauszukommen und das gleiche Ergebnis bei einer Englischprüfung zu schaffen, aber bei Mathe wunderten sich stets die Lehrer über meinen merkwürdigen Rechenweg, auch wenn das Ergebnis +/- 10 stimmte. Sicherlich fragte ich mich auch mal bei meinen Lieblingsfächern, wofür ich eines Tages das Wissen um die Reimformen von Gedichten brauchen würde, schließlich wollte ich Fremdsprachen studieren und nicht die eigene Muttersprache (doch es sollte sich herausstellen, daß das nicht so einfach ist, wie ich mir das vorgestellt habe). Viel öfter fragte ich mich allerdings, wofür ich eines Tages wissen muß, wie ich das Lot zu fällen habe oder was die 10. Potenz von Irgendwas ist. Fremdsprachen-Profis brauchen das nicht. Sie müssen aush nicht wissen, ob man in ReWe die Buchung von Forderungen an Bank oder Fuhrpark an Kasse oder Verbindlichkeiten buchen mußte. Es war mir egal, welche Art von Gütern es in der Marktwirtschaft gab und ob der Wunsch nach einem Fürherschein ein Luxusgut oder ein Exsistenzgut ist. Algebra, das Periodensystem, Bruchrechnung oder Betriebsabrechnungsbogen, DNA oder andere schicken Gen-Ketten – das brauchte doch kein Mensch.
Allerdings bin ich meinem SoWi-Lehrer bis heute dankbar, daß er uns das Thema „Steuererklärung“ bis zum Ohrenbluten beigebracht hat, so daß ich mit 16 Jahren die elterliche Steuererklärung machen konnte und von der Rückzahlung (10% hatte mir mein Vater von dem versprochen, was sie zurückbekommen würden) meinen Führerschein bezahlte, ohne daß es ein Luxusgut war.
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G:Sagt