Sonntag, Dezember 30th, 2007 | Author: Meg

Sie kletterte auf den großen und uralten Baum und fummelte das Fernrohr aus der Umhängetasche heraus. Die Sonne stand recht tief, in max. 2 Stunden würde sie untergehen. Sie kniff die Augen leicht zusammen und suchte den Horizont ab. Am Horizont konnte sie den Kirchturm der kleinen Stadt sehen, in der sich die Truppen des Sheriffs und seines Bluthundes Guy de Gisbourne versammelten.

Die Fallen waren ausgestellt, im Lager herrschte ein wildes Durcheinander, wie jedes Mal vor der Schlacht. Sie lächelte, als sie Bruder Tuck dabei beobachtete, wie er versuchte ein wildes Pferd dazu zu bringen, das Feld zu räumen, damit es nicht verletzt würde.

Will, Scathlock, Much und Little John prüften den Sitz ihrer Bögen und die Anzahl der Pfeile. Die ganze letzte Woche hatten wir gemeinsam die Abende dafür geopfert, Pfeile herzustellen und zu üben. Sie schaute auf die Uhr, noch 10 Minuten! Flink sprang sie vom Baum und stieß einen schrillen Pfiff aus. Nachdem alle versammelt waren, schaute sie ihre tapfere Truppe an. Will hat eine chronische Schnodder-Nase, schön sah das nicht aus und er wurde des öfteren deswegen gehänselt und aufgezogen, sie fuhr sich mit dem Zeigefinger der linken Hand unter der Nase entlang und er verstand den Wink, schnell zog er ein Taschentuch aus der Tasche und schnäutzte sich. Little John hatte sich in den Kopf gesetzt, seine Hosen nur mit einer Kordel am Leib zu halten, wie er es im Buch gelesen hatte, doch sie ahnte jetzt schon, dass ihm diese spätestens beim Schwertkampf vom Hintern rutschen würde, wenn er sie nicht mehr mit einer Hand halten könnte.

Lady Marian war außer ihr selbst das einzige Mädchen in der Truppe der tapferen Geächteten im Wald und nicht sonderlich glücklich über die Tatsache, dass sie ein Kleid tragen musste, in dem sie – zugegebenermaßen – sehr mädchenhaft aussah, was ihre langen Haare noch zusätzlich unterstrichen. Niemand war für die Rolle der Lady Marian besser geeignet als sie. Sie war tapfer, nicht sonderlich zickig, gescheit, hatte allerdings eine Macke: Sie wollte die Mann-Frau-Sache wirklich durchziehen. Sie wollte KÜSSEN!

Das ging auf keinen Fall. Erst recht nicht vor einer Horde wilder Krieger.

„Heute wird es sich entscheiden“, sprach sie und schaute jedem nacheinander in die Augen, „heute wird die Entscheidung fallen, ob wir in Zukunft dieses Stück Wald räumen müssen oder weiterhin für den Frieden und Wohlstand der Armen hier kämpfen können! Alle Mann an die Waffen, es werden KEINE Gefangenen gemacht, wir sind hier nicht bei den Indianern, verstanden?“

„Aber gestern ….“, setzte Will an. „Gestern war Karl May, verdammt nochmal“, herrschte sie ihn an und hielt die Pyle-Bibel hoch.

In dem Moment hörte sie das Blasen eines Horns. Horn, hier? Auf dem Feld?! Sie schüttelte den Kopf und konnte es nicht fassen, dass Maciek aka Gisbourne tatsächlich ein HORN dabei hatte.

Sie nahm ihren Bogen in die Hand, zog gekonnt ein Pfeil aus dem Köcher und spannte die Sehne. Sie war bereit.

 

„Booooooommel!!!“
Argh. WER wagte es?
„Booooooooooom
mel!!“

Doch nicht jetzt! Die feindlichen Truppen waren im Anmarsch, das Gebrüll des Horns immer deutlicher, eine Staubwolke konnte sie am Horizont bereits ausmachen, Will zog geräuschvoll die Nase hoch und rotzte einen gelben Klumpen auf den Boden. Sie konnte einiges ab, keine Frage, Blut war kein Problem, aber Rotze und Kotze drehten ihr immer noch leicht den Magen um.

„BOOOMMEL!“

Resigniert ließ sie die Schultern sinken. Marzena kam auf sie zugelaufen.

„Bommel, Deine Mama sucht Dich, es gibt Brot und Du sollst Geld holen und Dich dann schon mal anstellen, ich komme mit.“

Brot holen? Heute? Jetzt?! Nicht gegen Brot holen, es machte einen Heidenspaß in der Schlange mit einem Dutzend anderer Kinder zu stehen und Spaß zu haben, Schlachten zu planen, Pläne für die Ferien zu schmieden, auf dem Weg nach Hause das noch warme Brot essen, um mit Bauchschmerzen zuhause anzukommen und noch ein paar zu fangen dafür, daß man das halbe Brot aufgefuttert hat. Aber doch nicht heute, nicht jetzt!

Andererseits, wenn es Brot gab, müssten die Gisbourne-Trottel auch in die Schlange.

„Männer, es gibt Brot, ihr wisst, was das bedeutet! Wir müssen VOR ihnen da sein, verstanden?“

Die Jungs grinsten sie an.

„Ich hoffe, meine Mama will mehr als nur ein Laib Brot, dann bleibt unter Umständen nichts für die Idioten“, sagte John und zeigte mit dem Kopf in Richtung der feindlichen Truppen, die nur noch 2 Steinwürfe entfernt waren.

„Wer zuerst da ist, hält die Plätze frei“ rief sie, grinste die Jungs an und lief, so schnell sie konnte nach Hause. Macieks Gesichtszüge entglitten zuerst, dann warf er den Arm hoch und brüllte „Sieeeeeeeeeeeeeeeeg!“

„Hach, Irrtum“, dachte sie, grinste und lief am Friedhof vorbei, wo sie ein paar Blumen von dem Haufen vor dem Tor mitnahm. Mama würde sich freuen, solange sie nicht weiß, woher sie kommen.

Noch ahnte sie nicht, welche Folgen es haben würde, WENN Mama es eines Tages erführe. Und sie würde.

Als Kind hatte ich keinen Gameboy, kein Lego, kein Playmobil, keine Puppen. Ich hatte Plastik-Klötze, die so weich und uneben waren, dass alles einstürzte, was man bauen wollte und ein 1000-Teile Puzzle, welches meine Schwester und ich ca. 1000x zusammengebaut haben. Doch ich hatte Bücher, eine Menge Phantasie und konnte somit sowohl MegHood als auch MegWinnetou sein.

“Ich möchte in Deine Augen sehen und niemals entdecken, dass Du die Träume Deiner Kindheit dem Alltag geopfert hast.”

Category: MegLosophie
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19 Kommentare

  1. Auch wenn wir nicht für Brot in der Schlange stehen mussten, Phantasie hatten wir auch. Was war das nicht für eine schöne Zeit als man noch draußen spielen konnte. Wir sind mit den Fahrrädern um die Wette gefahren, waren Ritter, Indianer oder auch mal MotoX-Fahrer. Machten unerlaubt unter der Siegbrücke oder an einem See im Wald ein Feuer und hatten eine Menge Spaß. Stadtkinder tun mir heute leid.
    :idea:

  2. Schatz, Du hast gezündelt?! :shock: ;) Um die Wette können wir heute auch noch fahren, Ritter fand ich nicht so prickelnd, außer, um sie zu verkloppen. Und den Indianer mache ich Dir auch gerne :mrgreen: Stadtkinder? Jau, die kannte ich auch, aber auch die hatten ihre Spielplätze. Wenn auch keine Felder, Wälder und verlassene Jagdhütten.

  3. …und sie durften erst in einem alter draußen alleine spiele und all diese neuen Dinge erleben als wir uns schon lange sicher auf jedem Boden bewegen konnten. :mrgreen:

  4. Wir sind ja auch Helden :razz:

  5. Ich habe als Kind auf Dörfern und eine zeitlang sogar mitten im Wald gewohnt. Wenn wir Kinder Durst hatten, haben wir uns irgendwo eine Kuh auf der Wiese geschnappt und uns den Strahl Milch direkt in den Mund gespritzt. Wir waren den ganzen Tag draußen mit unseren Fahrrädern, haben Äpfel und anderes Obst geklaut, haben uns im Herbst Kartoffeln im Feuer gebraten … Stadt? Stadt lernte ich erst wirklich mit 18 Jahren kennen. Vorher ging ich dort nur zur Schule und war immer froh, wenn ich wieder in meinem Dorf war.
    Wir waren nicht reich, aber unendlich glücklich und hatten unser Auskommen!

  6. Hachz, das liest sich TRAUMHAFT, Maksi - ich vermiss das.
    Weißt Du, wenn ich diese Abenteuerspielplätze für Männer sehe, wo sie Krieg spielen können, sehne ich mich nach der Zeit damals zurück.

    Ich möchte einen Spielplatz wie früher …

  7. Wenn wir uns treffen, haben wir tagelang zu erzählen ;-)

  8. MINDESTENS! :)

  9. oh was waren das für zeiten! ich war sogar mal bandenführerin und das nur, weil ich am schnellsten laufen konnte… hach, das waren noch zeiten!

  10. Da werden Erinnerungen wach. :grin:

    Scheint so, als durfte man sich als Kind früher viel freier ausprobieren und austoben. Wichtigestes Zubehör waren die Phantasie und ein paar Freunde. Da gab es keine stundenlangen PC-Sessions und organisierte Touren mit Chauffeur Mama und Papa. Traurig, wenn man sich anschaut, wie sich das gewandelt hat. :idea:

  11. nach brot mussten wir glücklicherweise nie anstehen, aber mutters knäckebrot gabs nur alle 14 tage dienstags. und dann durfte jeder immer nur 2 pakete kaufen. klar, dass das nicht reichte. also hat meine mutter uns dann immer zu dritt in abständen von 15 minuten in den laden geschickt und jeder musste 2 pakete kaufen :mad: - meistens hats keiner gemerkt. nur einmal hat man mich gefragt, ob ich denn nicht eben schonmal da gewesen wäre. voll geistesgegenwärtig hab ich geantwortet: “ich? nein das kann nicht sein. das war mein bruder” - *grmpf* ging natürlich daneben :sad:
    eigentlich vollkommen nebensächlich sowas, aber diese kleine dinge vergisst man einfach nie.

  12. Hilli, Banden?! Tssss! Sowas hatten wir nicht, wir waren gepflegte und vor allem ehrenhafte Krieger. Indianer und Geächtete :mrgreeen:
    Und ich war deshalb die Anführerin, weil ich die Bücher gelesen hatte :)

  13. Sisou, Du als Mama weißt am besten, dass es heute nicht mehr möglich ist, die Kinder so zu erziehen, wie damals. Sicher kann man sie dazu bringen, ihre Phantasie mehr zu benutzen, aber der Gruppenzwang in der Schule, die Medien, das Vorhandensein eines Computers machen es fast unmöglich.

  14. Tobias, die Ähnlichkeit wird mit dem Alter immer extremer zwischen euch, oder? ;)

  15. @meg: ja sicher banden! wir hatten sogar fahnen *lach* aber ehrenhaft waren wir auch, wir hatten auf unserer fahne nämlich eine weiße rose… jaja, so war das damals im tiefen chorw** äh köln ;-)

  16. Hilli, Chorw***** erklärt so einiges, hättest Du das gleich gesagt, hätte ich nichts in Frage gestellt ;) Bloß die weiße Rose wundert mich jetzt etwas - oder ist das ein codiertes Zeichen für etwas arg Fieses? :mrgreen:

  17. @meg: nö im gegenteil - SO grusselig werd ich NIE aussehen :!:

  18. Ah Du Scheisse! Ist das Markus?! :shock: :lol: Ich weiß schon, warum ich Dich damals besser fand :mrgreen:

  1. [...] meine Freude über das weiße Kleid eher homöopathisch war, denn ich wusste, dass mich meine Indianer noch Wochen später auslachen würden und die Krone aus Buchsbaum (alle anderen [...]

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